Sonntag, 25. März 2012

Dudelnder Kommentar zu Regeners Rage und Lauers Lapsus

Ich schenke der Debatte um Sven Regners Wutrede zum Urheberrecht diese frei lizenzierte Hintergrundmusik. Das ist mein digitaler Ölzweig. Ich empfehle, vor dem Lesen der nachfolgenden kritischen Zeilen einfach "Play" zu drücken und durch sanftes Gedudel auch akustisch nachzuvollziehen, warum sich der Streit um kreative Leistungen in der Kostenlos-Gesellschaft des Internets im Kreis dreht:



Die Mär vom armen Netz
Regener kritisiert die latente Erwartungshaltung von Internetnutzern, künstlerische Leistung zum Nulltarif abrufen zu können. Christopher Lauer von der Piratenpartei reagierte darauf mit dem x-ten Verweis auf die Veränderungen im Medienkonsum, die das Internet nun einmal mit sich gebracht hat. Das Netz bietet Künstlern ganz neue Chancen. Es zu beschneiden, ist kein gangbarer Weg.

Während all das inhaltlich richtig ist, gilt das Argument als solches gar nichts. Hinter Lauers Worten verbirgt sich der Anspruch, dass eine Theorie nur so lange gültig ist, wie sie in der Praxis bestand hat. Das stammt aus der Wissenschaft: Als Physiker im 20. Jahrhundert empirische Messwerte erhielten, die nicht mit dem Newtonschen Weltbild zu vereinbaren waren, verwarfen sie Newtons Theorie und akzeptierten die Quantenphysik. Ganz einfach. In der Ethik gilt das Prinzip aber nicht. Was die Mehrheit der Menschen tut, bestimmt nicht zwangsläufig, was moralisch richtig ist. Ich spare mir, das in einer freiheitlich-demokratischen Wertegesellschaft näher zu erklären. Das Internet ist als digitale Begnegungsstätte ethischen Fragen unterworfen. Zu Regeners Verteidigung und Lauers Entkräftung: Nur weil Nutzungsrechtsverletzungen im Internet Usus sind und nicht kriminalisiert werden sollten, ist es trotzdem nicht in Ordnung, Nutzungsrechte zu verletzen. Es ist nicht der Fehler der kreativen Industrie, dass deren Regeln vor dem Internet etabliert wurden. Es ist die moralische Pflicht aller Verfechter eine freien Kultur des Teilens, Künstlern überzeugend aufzuzeigen, dass freie Lizenzierungen im digitalen Zeitalter auch zu guten Geschäftsmodellen taugen. Bei Regener funktioniert das offensichtlich nicht. Das liegt genauso offensichtlich nicht an seinen intellektuellen Fähigkeiten, sondern an der wenig konstruktiven Frontalkritik der Schützer des Internets. Überzeugungsarbeit sieht anders aus.

Du siehst irgendwie schlecht aus, Aufmerksamkeitsökonomie! Alles ok?
Nur ein einziges Erfolgsbeispiel wird regelmäßig zur Verteidigung freier Weiternutzung bemüht, nämlich das Prinzip der Aufmerksamkeitsökonomie. Für Künstler bedeutet das: "Ich gebe dir meine Lieder, Grafiken, Texte und so weiter kostenlos. Dafür hilfst du mir indirekt bei der viralen Verbreitung, so dass plötzlich viel mehr Menschen meine Inhalte kennen und lieben lernen, als jemals über die traditionellen Wege möglich wäre. Geld verdiene ich dann, indem diese Liebhaber abgewandelte, performative oder neue Premiuminhalte von mir gegen Entgelt erhalten."

Nicht, dass dieser Ansatz nicht funktionieren würde. Trent Reznor hat das perfektioniert, Prince und Radiohead sind auch ganz fit im positiven Nutzen des Webs. Bei allen drei Beispielen gilt allerdings, dass die Künstler schon berühmt und geliebt waren, bevor sie kostenlose Inhalte zur Vermehrung ihrer Einnahmen nutzten. Junge Künstler ohne Namen in der Branche haben kein solches Startkapital. Und gerade diesen Garagenbands und Singer-Songwritern wird suggeriert, sie wären die Idealkandidaten für die Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Geschichten des Webs.

Ein beeindruckendes Beispiel sind Walk off the Earth mit ihrer Coverversion von Gotyes "Somebody that I used to know". Eine gute Idee, ein Youtube-Video, und schon hat die unbekannte Band einen eigenen (relevanten) Wikipedia-Eintrag, 75 Millionen Videoklicks, US-Talkshowauftritte und voraussichtlich bald volle Konzerthallen. Im Begleittext zum Video bedankt sich die Band artig bei Gotye, der samt seiner Anwälte wohl nichts gegen die zusätzliche Eigen-PR haben dürfte. Friede, Freude, Eierkuchen?

Nein. Wer vor dem Netz seinen Lebensunterhalt mit eigener Musik verdienen wollte, musste sich also bei der Industrie anbiedern und wurde in hartem Konkurrenzkampf gegen die am besten zu vermarktenden Konkurrenten ausgespielt. Noch dazu kommt bis heute nur der kleinste Teil der Einnahmen auch bei den Urhebern an. Die digitale Auslese ist noch restriktiver. Aufmerksamkeit über soziale Kanäle zu generieren, verlangt noch mehr Kreativität von Künstlern, die Konkurrenz ist um ein Vielfaches größer und der Aufwand für die Musikschaffenden selber wird von der Industrie auf sie selber zurückverlagert. Erfolgsgeschichten wie die von Walk off the Earth tragen zu einem Zerrbild bei. Um beim Beispiel Musik zu bleiben: Unspektakulär verkaufte Musik ist nicht weniger wertvoll als visionär und/oder lustig präsentierte.

Unpraktische Praxis
Es ist nicht überzeugend, Urheberrechtsverletzungen mit der Begründung wegzulächeln oder zu bagatellisieren, Künstlern würde der Broterwerb mit der Möglichkeit freier Lizenzierung von Inhalten im Web erleichtert. Wenn das weithin so verstanden würde, gäbe es mehr bekannte und erfolgreiche Künstler, die diesen Weg beschreiten. Wer hier wirklich etwas beitragen möchte, sollte sich nicht damit zufrieden geben, auf die technischen Aspekte freier Lizenzen zu verweisen. Frei nach dem Motto: "Hier gibt es zum Beispiel Creative Commons. Sie zu, was du draus machst!" Wer im CC-Ratgeber Open Content Lizenzen - Ein Leitfaden für die Praxis nach Hinweisen zu Geschäftsmodellen mit CC-Lizenzen sucht, findet 2 von 72 Seiten diesem Thema gewidmet. Darin geht es ausschließlich um die Aufmerkskeitsökonomie. Das ist zu wenig, ganz allgemein gesagt und ebenso auf eine Reihe anderer Handreichungen zu freien Lizenzen bezogen. Zur Praxis gehört nicht nur das WIE, sondern auch das WARUM/WOFÜR.

Kritisieren und Abwiegeln ist nicht genug. Es sollte über Lösungen geredet werden.

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